Die reine LeereTagwerkMor­gens halb zehn im Lehrerzimmer

Mor­gens halb zehn im Lehrerzimmer

Wäh­rend mei­ne alte Zeit­er­fas­sung mich immer mal wie­der dar­an erin­nert hat, eine Pau­se zu machen, nur, damit ich mich dann aktiv dage­gen ent­schei­den konn­te, über­lässt mich die neue mei­nem selbst­ge­wähl­ten Schick­sal.
Ist okay, ich bin schon groß und gehol­fen hat‘s ja eh nicht.

Mir fällt nur auf, an wie vie­len Tagen zumin­dest bis mit­tags die gemes­se­ne Arbeits­zeit aus einem zusam­men­hän­gen­den Block besteht, oft sogar dar­über hin­aus, wenn es an blö­den Tagen gar kei­ne Mit­tags­pau­se gibt, oder die­se vor dem Rech­ner oder inmit­ten irgend­wel­cher Unter­la­gen statt­fin­det. Die in der App rot dar­ge­stell­ten wirk­lich aus­ge­stem­pel­ten Pau­sen­zei­ten sind selten.

Neben dem Gedan­ken, dass ich dar­an drin­gend etwas ändern und bes­ser auf mich ach­ten soll­te, steckt dar­in für mich aber auch die Fra­ge: Was ist im Leh­rer­be­ruf eine ech­te Pause?

Die so genann­ten „gro­ßen Pau­sen“ sind es wohl eher nicht. Zumin­dest erle­be ich das Leh­rer­zim­mer in die­sen Zei­ten nicht als Pau­sen- oder gar Ruhe­raum, son­dern vol­ler Beschäf­ti­gung. Kur­ze Abspra­chen zu Schü­lern, Klas­sen, Unter­richts­stun­den, Arbei­ten, Eltern, Kon­flik­ten, … – ich spa­re mir die Fort­füh­rung der Lis­te.
Das meis­te davon mit einem Brot in der Hand oder zwi­schen zwei Mund­voll Müs­li – Pau­se sieht anders aus.

Pau­se braucht auch einen ande­ren Ort, um Pau­se zu sein.
Ich ken­ne noch Pau­sen­räu­me aus Zei­ten als Aus­hil­fe im Super­markt oder aus der Gas­tro­no­mie. Ruhe­räu­me mit Sofa und Grün­pflan­zen waren auch das in den sel­tens­ten Fäl­len, aber bei über drei­ßig Lehr­kräf­ten in einem Raum, des­sen Grö­ße andern­orts den Tier­schutz auf den Plan rufen wür­de, hel­fen auch kein Sofa und kein Ben­ja­mi­ni mehr. Im Gegen­teil: Manch Kol­le­ge emp­fin­det die Pau­sen­auf­sicht auf dem Hof erhol­sa­mer als eine Pau­se im Leh­rer­zim­mer. (Sofern es nicht gera­de schneit oder kurz vor den Feri­en ist.)

Die gro­ße Pau­se im Leh­rer­zim­mer ist es also nicht. Dann viel­leicht die Frei­stun­den.
Tat­säch­lich ist es wäh­rend der Unter­richts­zei­ten im Leh­rer­zim­mer ange­nehm ruhig, sit­zen hier doch bei guter Stun­den­pla­nung meist nur drei bis vier Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen.
Schaut man genau­er hin, sieht man aller­dings erneut kei­ne ent­spannt ihren Kaf­fee nip­pen­den und ins Grü­ne sin­nie­ren­den Men­schen, son­dern den Eng­lisch-Kol­le­gen, der den letz­ten Voka­bel­test durch­sieht, die Mathe-Fach­lei­tung über dem Ansichts­exem­plar des neu­en Buches, zwei Klas­sen­lei­tun­gen im lei­sen Gespräch über Man­fred, eine E‑Mails bear­bei­ten­de Kol­le­gin, … Im klei­nen Kabuff neben­an tele­fo­niert noch jemand mit Eltern, der Wohn­grup­pe oder einer Jugendherberge.

Natür­lich gibt es auch vie­le Pri­vat­ge­sprä­che und oft genug gemein­sa­mes Lachen in die­sen Zei­ten, ein Skla­ven­le­ben ist es nicht, das Lehr­erle­ben.
Und trotz­dem den­ke ich oft, wie viel pas­sen­der der Begriff „Hohl­stun­de“ doch ist, mit dem eine Frei­stun­de zwi­schen zwei Unter­richts­blö­cken anders­wo benannt wird. (Manch­mal auch „Hol-Stun­de“, muss man bei miss­glück­ter Ver­tre­tungs­pla­nung doch damit rech­nen, spon­tan in eine unbe­auf­sich­tig­te Klas­se geru­fen zu werden.)

Man­che Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen sor­gen in ihren Frei­stun­den für ech­te Pau­sen, indem sie das Schul­ge­län­de ver­las­sen, um irgend­wo eine zu rau­chen oder ein Bröt­chen zu essen. Ent­we­der auf die­se Wei­se oder durch ein klug gewähl­tes Ver­steck in einem lee­ren Grup­pen­raum oder im Hei­zungs­kel­ler kann man tat­säch­lich die Art von Pau­se errei­chen, die die Kri­te­ri­en der Arbeits­zeit­ver­ord­nung erfül­len wür­de, näm­lich eine „all­ge­mein vor­ge­se­he­ne (…) Unter­bre­chun­gen der Arbeits­zeit, in denen die Beam­tin oder der Beam­te von der Arbeits­leis­tung frei­ge­stellt ist und sich auch nicht bereit­zu­hal­ten braucht“.1

Nun ist es natür­lich so, dass der glei­chen Arbeits­zeit­ver­ord­nung zufol­ge eine in die­sem Sin­ne ech­te Pau­se vor Ende des Halb­tags-Unter­richts auch nicht vor­ge­schrie­ben ist: „Spä­tes­tens nach sechs Stun­den Arbeit ist eine Pau­se von min­des­tens 30 Minu­ten zu gewäh­ren.2 Selbst, wer also schon mit einer Früh­auf­sicht um 07:15 Uhr beginnt, hat erst nach der sechs­ten Stun­de um 13:15 Uhr Anspruch auf ech­te Pause.

Aber wenn Lehr­kräf­te sich (min­des­tens) drei­mal am Vor­mit­tag auf eine neue Lern­grup­pe von 20 bis 30 jun­gen Men­schen in all ihrer Indi­vi­dua­li­tät sowohl fach­lich als auch päd­ago­gisch und emo­tio­nal pro­fes­sio­nell ein­las­sen sol­len, bedarf es dazwi­schen immer wie­der kur­zer Momen­te des Inne­hal­tens und der Ruhe.
Wenn es kei­ne Mög­lich­keit gibt, die Gedan­ken zu sor­tie­ren und auch den eige­nen Gefüh­len Raum zu geben, ver­liert man sich selbst und ist schlimms­ten­falls irgend­wann nicht mehr offen für die Gedan­ken und Gefüh­len sei­nes Gegen­übers.
Ange­sichts einer wohl unbe­strit­ten immer her­aus­for­dern­de­ren Schü­ler­schaft eine unglück­li­che Situation.

Und die Moral von der Geschicht‘?
Eine Grup­pe von Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen hat die Arbeit an der Umge­stal­tung und Neu­ein­rich­tung des Leh­rer­zim­mers bereits auf­ge­nom­men, und ich wer­de alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den Etats auf der Suche nach Mit­teln für dann benö­tig­tes Mobi­li­ar durch­fors­ten.
Und obwohl selbst meist fern­ab des Tru­bels im Leh­rer­zim­mer, wer­de ich ver­su­chen, wie­der öfter an einen klei­nen Espres­so zwi­schen­durch zu den­ken. Und zwar nicht vor dem PC, son­dern vor dem offe­nen Fenster.


  1. https://​voris​.wol​ters​klu​wer​-online​.de/​b​r​o​w​s​e​/​d​o​c​u​m​e​n​t​/​5​8​8​3​a​f​d​9​-​e​6​a​e​-​3​9​1​0​-​a​3​9​2​-​2​6​7​1​6​4​7​d​9​569 ↩︎
  2. ebd., Abs. 2 ↩︎

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