Die reine LeereAm WegesrandZwi­schen Sei­fe und Sittenverfall

Wir haben ein Toi­let­ten­pro­blem. Kein dra­ma­ti­sches, aber doch ein bestän­di­ges und bestän­dig nervendes.

Auch schon frü­her ist es vor­ge­kom­men, dass ein Schü­ler beim Töpf­chen-Trai­ning geschwänzt hat oder aber auf­grund psy­chi­scher Pro­ble­me absicht­lich Wän­de oder Türen mit sei­nem Geschäft ver­schmutzt hat. Aber der­je­ni­ge war mit etwas Mühe immer zu fin­den und konn­te dann Hil­fe bekommen.

Heu­te haben wir es glück­li­cher­wei­se nicht mit der­ar­tig extre­men Ver­schmut­zun­gen zu tun. Dafür wird auf den Toi­let­ten gevaped, mit Klo­rol­len gewor­fen und immer wie­der auf den Fuß­bo­den (alter­na­tiv auch ger­ne in Klo­rol­len-Hal­ter) gepinkelt.

Den Kampf gegen das Vapen habe ich fast auf­ge­ge­ben. Jeman­den in fla­gran­ti zu erwi­schen ist nahe­zu unmög­lich, spe­zi­el­le Vape-Detek­to­ren sind kaum bezahl­bar, und den Eltern ist es eh egal. Zumin­dest denen, die ein­ge­zo­ge­ne Vapes abho­len kommen.

Die stän­di­gen Ver­schmut­zun­gen aller­dings sind aus mei­ner Sicht nicht hin­nehm­bar und kön­nen auch den Rei­ni­gungs­kräf­ten nicht dau­er­haft zuge­mu­tet wer­den. Von den Kos­ten, wenn neben Pin­kelei­en auch mal ein Spül­kas­ten oder Klo­de­ckel dran glau­ben muss, ganz zu schweigen.

Also fängt man an mit Appel­len (kann man sich auch schen­ken), bevor dann der Klas­si­ker „Toi­let­ten abschlie­ßen“ dran ist, gefolgt von „Toi­let­ten abschlie­ßen und Schlüs­sel im Sekre­ta­ri­at holen“.

Klappt alles nicht wirk­lich. Die Toi­let­ten abzu­schlie­ßen schei­tert lei­der nicht zuletzt an der Auf­sichts­pflicht, schließ­lich kön­nen die Kol­le­gen ja nicht stän­dig mit­ge­hen (dann fängt als Nächs­tes das Vapen im Klas­sen­zim­mer an).
Es schei­tert aber auch an Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die dann ent­we­der ihren Schlüs­sel mit­ge­ben oder von vorn­her­ein am Ende einer Pau­se nicht wie­der anschlie­ßen.
Tref­fen dann noch meh­re­re Schü­ler ver­schie­de­ner Klas­sen vor Ort auf dem Ört­chen auf­ein­an­der, kann man es auch gleich lassen.

Den Toi­let­ten­schlüs­sel im Sekre­ta­ri­at abzu­ho­len, ist hier zwar eine Hil­fe, aller­dings kom­men dann in Spit­zen­zei­ten die Sekre­tä­rin­nen nicht mehr zum Arbeiten.

Dazu kommt noch etwas Ande­res: Das Pro­blem scheint vor­nehm­lich von den Schü­lern der 9. und 10. Klas­sen aus­zu­ge­hen, bei den Mäd­chen ist außer Vapes und Sprüh­de­os nichts Dra­ma­ti­sche­res zu beob­ach­ten, und auch die Fünft- bis Acht­kläss­ler schei­nen sowohl ihre Bla­se bes­ser kon­trol­lie­ren, als auch treff­si­che­rer pin­keln zu kön­nen.
Abge­schlos­se­ne Toi­let­ten lösen also nicht nur das Pro­blem nicht, sie bestra­fen auch zu vie­le, die es nicht verursachen.

Die letz­te Idee wäre nun, die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im Unter­richt der 9. und 10. wie in einer Prü­fungs­auf­sicht notie­ren zu las­sen, wer von wann bis wann zur Toi­let­te geht.
Müss­ten die Schü­ler sich dann noch im Sekre­ta­ri­at mel­den (bei nur den Jungs aus zwei Jahr­gän­gen viel­leicht noch leist­bar), könn­te man mit­tags die Lis­ten abglei­chen.
Nützt aber auch nichts, wenn die Schü­ler aus wel­chen Grün­den auch immer einen vor­ge­fun­de­nen Scha­den nicht mel­den. Dann habe ich am Ende des Tages bloß eine Lis­te mit vie­len Namen für den Hausmeister.

Alle wei­te­ren spon­ta­nen Ideen von Kol­le­gen oder ande­ren Schul­lei­tun­gen in Gesprä­chen über die­ses hei­te­re The­ma glei­ten dann auch schon ins Hilf­los-Iro­ni­sche ab und rei­chen vom Ver­bot aller Klo­gän­ge über die Ein­stel­lung eines Toi­let­ten­man­nes oder einer Toi­let­ten­frau bis zur Video­über­wa­chung der Eingangstür.

Nun ist auch ohne ver­tie­fen­des Stu­di­um der Psy­cho­lo­gie klar, dass es hier nur um ein Sym­ptom geht: Von feh­len­der Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Schu­le oder sogar tief­sit­zen­dem Schul­frust bis zu tie­fe­ren Pro­ble­men wie Stress zu Hau­se, Mob­bing oder ein­fach dem Bedürf­nis nach Auf­merk­sam­keit oder Aner­ken­nung in der Cli­que dürf­te wohl alles dabei sein.

Irgend­ei­ne Form von Frust und Rebel­li­on ent­lädt sich an einem der letz­ten anony­men Orte in der Schu­le, der nicht bis in die hin­ters­te Ecke beauf­sich­tigt und gere­gelt wer­den kann.

Wir arbei­ten dar­an. Aber den Rei­ni­gungs­kräf­ten und Haus­meis­tern hilft das mor­gen früh recht wenig.

6 Comments

  1. Aner­ken­nung ver­ste­he ich nicht – da guckt doch kei­ner zu?
    Wie wäre es, eine Toi­let­te für die „Ziel­grup­pe” zu reser­vie­ren und die­se mit Putz­plan selbst put­zen zu lassen?

    1. Ich bin schon in die Toi­let­ten gekom­men und da waren vier Jungs in einer Kabi­ne. Ich ver­mu­te, dass es da dann nicht um die dort übli­cher­wei­se zu erwar­ten­den Geschäf­te ging, son­dern um ent­we­der ande­re (ich befürch­te, es wird dort auch mit Vapes gehan­delt) oder um irgend­wel­chen Blöd­sinn, den ich nicht nach­voll­zie­hen kann.
      Bei der Aner­ken­nung geht es wohl mehr um das Cool-Tun und halt mit­ma­chen, wenn mit Klo­rol­len gewor­fen oder über die Trenn­wän­de geklet­tert wird.
      Das Reser­vie­ren einer eige­nen Toi­let­te zöge auch das Abschlie­ßen aller ande­ren mit sich. Wir haben sie­ben Schü­ler-Toi­let­ten über das Gebäu­de ver­teilt – sie wer­den mir nicht den Gefal­len tun, die von ihnen zu nut­zen­de aufzusuchen.
      Das selbst Put­zen wäre so heil­sam! Ist aber auch illu­so­risch. Ich habe schon Eltern auf die Bar­ri­ka­den gehen sehen, wenn ihre Klei­nen nur Kau­gum­mis unter Tischen ent­fer­nen soll­ten, die größ­ten­teils von ihnen selbst stammten.

  2. Nach etli­chen ähn­li­chen Pro­ble­men sind wir auf Chip­kar­ten umge­stie­gen. Löst das Pro­blem auch nicht voll­stän­dig (einer öff­net die Tür und lässt fünf wei­te­re rein), aber dämmt es etwas ein.
    Was ich mich dabei fra­ge: Wie gemüt­lich ist wohl so ein Schul­klo, dass man sich da als Grup­pe eine gan­ze Pau­se lang auf­hal­ten möchte?!

    1. Ich find’s ja auch äußerst unge­müt­lich dort. Und mit Vor­an­schrei­ten des Schul­vor­mit­tags auch olfak­to­risch immer weni­ger einladend.
      Das mit den Chip­kar­ten klingt inter­es­sant. War das Sys­tem teuer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert