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Von Glück und Privilegien

Auf einer Fortbildung für Politiklehrkräfte wurde ich kürzlich an das Rollenspiel “abgehängt” (manchmal auch als “Einen Schritt nach vorn” bekannt) erinnert, mit dem sich ungleiche Lebensbedingungen und Chancen-Ungleichheiten visualisieren lassen.

Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer erhält hierbei eine vorerst geheim zu haltende Rollenkarte mit Zuschreibungen wie z.B.

“Du bist eine 35-jährige Bankkauffrau türkischer Herkunft, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt.”

“Du bist ein 47 Jahre alter Ingenieur. Dein Jahresgehalt liegt bei rund 60.000 € und du lebst mit deiner Familie in einem eigenen Haus,”

“Du bist eine alleinerziehende, 35-jährige Mutter mit zwei kleinen Kindern von 11 und 13 Jahren. Du arbeitest in Teilzeit bei einer Reinigungsfirma.”

Im Anschluss stellen sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einer Linie auf und der Spielleiter liest eine Reihe von Aussagen vor, wie z.B.

” Du hattest nie ernsthafte Geldprobleme.”

” Du kannst einmal im Jahr verreisen und Urlaub machen.”

” Du hattest nie das Gefühl von anderen ausgegrenzt zu werden.”

Wenn die Aussage aus Sicht der jeweiligen Rolle bejaht werden kann, treten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Schritt vor, wer nicht zustimmen kann, bleibt stehen.
Am Ende schauen sich alle um, welche Position im Raum sie haben, bevor die Rollen offengelegt werden und die Eindrücke während des Spielverlaufs reflektiert werden.

In diesen Tagen inmitten der Coronakrise drehe ich mich ganz bewusst täglich einmal um und führe mir vor Augen, wie viel Glück ich und meine Familie haben.

Ich drehe mich um und sehe geschlossene Betriebe und Unternehmen, die vielleicht nie wieder öffnen werden, Freunde und Bekannte, die nicht wissen, wie die nächsten Tage, Wochen und Monate aussehen werden, Menschen, die um ihre Existenz bangen, Menschen, die jeden Tag ihrer immer schwereren und beängstigerenden Arbeit nachgehen.

Ich drehe mich um und erkenne, welch unermessliches Privileg es gerade ist, nicht nur zuhause bleiben zu müssen, sondern es auch ohne große Ängste zu können.

Aber feiern mag ich diesen Umstand nicht.

Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ende des Rollenspiels ihre Eindrücke schildern, ist bei vielen, deren Rolle gesellschaftlich tatsächlich abgehängt wurde, Empörung oder sogar Wut dabei. Bei denen, die sich am Ende ganz vorne wiedergefunden haben, überwiegt nicht Freude darüber, sondern häufig Erschrecken.
Allen gemeinsam ist, dass sie erkennen, dass es so nicht bleiben darf, und wir alle mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, und seien sie noch so gering, daran arbeiten sollten, die Chancen-Ungleichheit in unserer Gesellschaft aufzulösen.

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