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Unterrichtsuntersagung

Wie inzwischen alle Bundesländer hat auch mein Bundesland seit Freitag die Schulen geschlossen und den Unterricht ausgesetzt. “Unterrichtsuntersagung” heißt das in der Fachsprache der Behörde.

Und genau bis zu diesem Freitag habe ich noch gedacht, gut vorbereitet zu sein. Die beste Team-Teaching-Partnerin und ich haben mit unseren Schülern schon das ganze Schuljahr über immer wieder digital gearbeitet. Abstimmungen und Meinungsbilder mit Mentimeter, Texte im Blog und kollaboratives Schreiben in einem Etherpad – keine dieser Methoden wäre jetzt für unsere Klassen neu und unbekannt gewesen, alle Anmeldedaten vorhanden.

Also habe ich am Donnerstag, als sich abzeichnete, dass die Schulen wohl geschlossen würden, noch schnell einen kurzen Text erstellt, dass unser Unterricht unverändert fortgesetzt wird, nur alle Fragen bitte im Etherpad und alle Texte bitte im Blog statt im Block (sorry! ) geschrieben werden, damit wir sie einsehen und Rückmeldung geben können.

Und dann? Ist “Unterrichtsuntersagung” doch ernster gemeint gewesen als ich dachte. Tatsächlich werden in meinem Bundesland offiziell keine Lernmaterialien online bereitgestellt.
Das deutliche Verbot vom Freitag ist zwar am Montag etwas aufgeweicht worden, sodass nun zumindest jede Lehrkraft auf freiwilliger Basis Materialien zur Verfügung stellen kann, aber bewertet werden dürfen diese nicht.

Jetzt wäre auch eh zu spät – als wenn unsere Schüler nun jeden Tag gucken würden, dass ihnen auch ja kein Ersatzunterricht entgeht!

Und ich? Ich schäme mich mit einigen Tagen Abstand fast für meinen Eifer am Donnerstag.

Natürlich hätte ich gerne einmal den Ernstfall des Distance Learning geprobt, würde gerne einmal sehen, wie weit die Formen der Kollaboration und des selbstständigen Lernens denn tragen, wenn ich als Lehrer nicht einmal mehr in Hörweite bin.
Gelingen mir ausreichend offene Aufgabenstellungen, die asynchron bearbeitet werden können?
Arbeiten meine Schüler zusammen an Fragestellungen, helfen einander und bilden neue Lernnetzwerke?

Und ja, ein wenig Selbstzufriedenheit, auf eine solche Situation und ein Lernen ohne Schule vorbereitet gewesen zu sein, ist sicher auch dabei.

Aber auf der anderen Seite bin ich davon überzeugt, dass weder die Welt untergeht, noch das Leben unserer Schüler nachhaltig geschädigt wird, wenn ihnen zwei, drei Wochen Unterricht fehlen. Manche von ihnen vergessen an einem Vormittag mehr Stoff als ich in einer Woche behandele.

Das, was mich aber tatsächlich davon überzeugt, dass eine vollständige Unterrichtsuntersagung zumindest aktuell der richtige Weg ist, ist die Zementierung der ohnehin beklagenswert hohen Bildungsungerechtigkeit durch Online-Lernen ohne ausreichende Vorbereitung und didaktisch-pädagogisches Fundament.

Einige Eltern haben in dieser Woche die Schulbücher ihrer Kinder aus den Klassenzimmern geholt, um mit ihnen zu lernen (was übrigens auch eine Zeitlang ganz hervorragend ohne Lehrer-Aufgaben geht), andere fragen in der Schule nach Tipps, was ihr Kind denn üben solle.

Aber dann sind da auch die Kinder, die jetzt vollkommen allein zuhause sitzen, weil ihre Eltern es sich nicht leisten können, daheim zu bleiben und mit ihnen an Schulaufgaben zu sitzen.

Oder diejenigen, die ohne die technische Ausstattung auskommen müssen, von denen wir digital-affinen Lehrer immer schwärmen. Es mag überraschen, aber nein: Nicht jedes Kind verfügt über ein iPad oder einen Laptop. Und irgendwann kommt dann auch das Smartphone an seine Grenzen, wenn wir das mit dem Online-Lernen wirklich ernst meinen.
In meinem Schulbezirk gibt es noch nicht einmal in jedem Ort eine ausreichend stabile Internetverbindung.

Und dann sind da noch diejenigen, die sich nicht konzentrieren können, die nicht mit sich selbst allein sein und dann noch arbeiten können, bei denen wir Lehrkräfte manchmal nur dafür benötigt werden, hinter ihnen zu stehen, sie zu ermutigen oder kurz die Hand auf die Schulter zu legen, um sie zu erden und ins Klassenzimmer zu holen.

Für diese Kinder ist die Schließung der Schule ein viel tragischeres Problem als nur der fehlende Deutsch- oder Matheunterricht.

Die wichtigste Aufgabe ist nicht, digitale Ersatzangebote schnell ans Laufen zu bringen.
Die wichtigste Aufgabe steht uns noch bevor: Wenn wir alle uns nach Corona wieder in der Schule eingefunden und uns kurz geschüttelt haben, ist es höchste Zeit, Wege zu finden, wie wir diese Bildungsungerechtigkeit auflösen und alle Schülern ermächtigen, zu lernen und zu wachsen, zu erkennen, was sie können, was sie brauchen und wie sie es sich erarbeiten.

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