Ministeriums-Marketing

In meinem Bundesland gilt an Schulen ab sofort ABIT, ein hoch-innovativer Test-basierter Ansatz im Kontaktpersonenmanagement.1Das steht da wirklich so.

Wollte ich mich in der Öffentlichkeit kritisch äußern, würde ich die neuen Regelungen einen Offenbarungseid der Gesundheitsämter und einen erstaunlichen Mangel an Fürsorge meines Dienstherren nennen, aber das tue ich natürlich nicht; die Wohlverhaltenspflicht als Beamter ist mir nämlich ebenso wichtig wie meinem obersten Dienstherrn meine Gesundheit.

In Wirklichkeit ist ABIT also eine ganz tolle Sache: Anlassbezogenes intensiviertes Testen – so der vollständige Name – bedeutet keineswegs, dass die Gesundheitsämter in der Kontaktnachverfolgung nicht mehr hinterherkommen; es bedeutet auch nicht, dass nun noch mehr Verantwortung bei der einzelnen Schule liegt, und schon gar nicht, dass das Ansteckungs-Risiko für Lehrkräfte im Unterricht steigt.

Nein: ABIT bedeutet, dass Präsenzunterricht für möglichst viele Schülerinnen und Schüler möglichst lange stattfinden kann. Und das kann ja nun niemand schlecht finden.
Und damit das mit dem Präsenzunterricht für alle auch klappt, geht dank ABIT nun einfach kein Schüler mehr in Quarantäne, bloß weil er stundenlang neben einem Mitschüler gesessen hat, der positiv getestet wurde.

ABIT macht sogar möglich, was wir alle so sehr erhofft haben, um selbst im Krisenfall nicht irgendwann vor zu kleinen Klassen zu stehen: Auch wenn mehrere Schüler positiv getestet wurden, soll für alle negativ getesteten und symptomfreien Schüler Präsenzunterricht ermöglicht werden.

Stattdessen testet sich nach einem positiven Fall einfach die ganze Lerngruppe eine Woche lang jeden Tag und alles ist gut, wenn nur Mama oder Papa auf dem Zettel unterschrieben haben, dass der morgendliche Selbsttest negativ war.

Wer sich morgens zuhause negativ getestet hat, ist gesund, hat keine Probleme und kommt weiterhin in die Schule.
Also jedenfalls, solange es gutgeht.

Und die Eltern versprechen ganz brav, dass niemand schummelt. Vordatierte Zettel, Blanko-Unterschriften oder Unterschriften für ein “Ja, Mama, ich habe mich eben getestet, nachdem ich meine Mathe-Hausaufgaben abgeheftet und eingepackt habe” gibt es natürlich nicht.

Und wenn dann doch mal ein morgendlicher Test während des ABIT positiv sein sollte, wird das intensivierte Testen einfach fünf Schultage nach dem jeweils letzten Fall fortgeführt und alles ist wieder gut.

Hätte ja auch schon mal eher einer drauf kommen können.

  • 1
    Das steht da wirklich so.

2 Gedanken zu „Ministeriums-Marketing“

  1. Wenn das Satire sein soll, finde ich sie nicht sehr gelungen, das Präsenzunterricht für Schüler das Beste und sehr wichtig ist, ist doch inzwischen wohl auch von den Lehrerverbänden anerkannt.

    1. Oh, ich bin ganz bei Ihnen.
      Nicht zuletzt als Klassenlehrer einer 6. halte ich gemeinsamen Unterricht und gemeinsam verbrachte Schultage mit allem, was dazu gehört, für kostbar und wäre sogar gegen vorgezogene Weihnachtsferien.
      Dieses Modell aber ist die Aufgabe der Kontaktnachverfolgung und bisheriger Quarantänemaßnahmen im bloßen Vertrauen auf die morgendliche Selbsttestung der Schüler. Und mit Verlaub: Das fehlt mir.
      Das ist m.E. ein gesundheitliches Risiko für Lehrkräfte und Schüler, das ich dann auch gerne so benannt gesehen hätte und nicht angepriesen als Rettung des Präsenzunterrichts.
      Und ja, ich finde die Satire auch nicht sehr gelungen, aber mir fehlt gerade die notwendige humoristische Distanz.

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