Unterricht

Ihr Kinderlein kommet

Mit Beginn der Schulschließungen im Frühjahr habe ich mit Interesse und Erstaunen beobachtet, wie Teile meiner digitalen Filterblase in Verzückung geraten sind. Nun gehe es endlich los mit der Digitalisierung von Schule und Unterricht. Und wenn man es nur richtig mache (im Zweifel wie sie), dann seien geschlossene Schulen doch gar kein Problem, ach was: sogar besser, schließlich brauche man sie zum asynchronen Distanzunterricht gar nicht, und überhaupt und sowieso sei Schule in der bisherigen Form überholt.

Als dann die Kultusministerien der meisten Bundesländer auf Präsenzunterricht nach dem Sommer bestanden, wurde die Euphorie etwas gedämpft, dafür der Ton umso rauer. Jetzt kam schließlich zu einem längst überholten Schulsystem noch die Gesundheitsgefährdung der Lehrer und Schüler hinzu. Und das angesichts der digitalen Möglichkeiten ganz ohne Not, man könne doch und müsse endlich und so weiter.

Ich sitze hier und kann nicht anders als vermuten, dass die digitale Filterblase in Blogs und auf Twitter mehrheitlich aus Gymnasiallehrern besteht.

Natürlich ist auch mir die Gesundheit der Lehrer nicht egal, ich bin ja selber einer.
Und ich will das Risiko des Präsenzunterrichts auch gar nicht klein reden, obwohl ich kaum einen Ort kenne, an dem Hygieneregeln vergleichbar streng durchgesetzt werden, und ich all die Pflegekräfte, Mediziner, Polizisten und Verkäuferinnen und Verkäufer nicht so laut klagen höre.

Aber meine Zweifel an der Ergiebigkeit des Distanzunterrichts sind in der Vorweihnachtswoche nicht geringer geworden.

Ich unterrichte keine Oberstufen-Klasse, keinen Leistungskurs und überhaupt gar keine Schülerklientel, die sicher sein kann, mit einem guten Abschluss in der Tasche ihr Glück in der Welt zu machen.

Mit Blick auf einen Großteil meiner Schülerinnen und Schüler sehe ich vielmehr die Ergebnisse einer aktuellen Schweizer Studie bestätigt:

Die Annahme, dass während der Schulschließungen familiäre Gegebenheiten verstärkt für den Bildungszuwachs von Kindern verantwortlich waren, während gleichzeitig der Einfluss der Schulen gemindert war (vgl. Tomasik, Helbling u. Moser 2020), ist für meinen Unterricht zutreffend und nur durch hohen zusätzlichen Betreuungsaufwand auszugleichen.

Trotz morgendlichem Video-Gruß an die Distanzlerner, trotz Sicherstellung, dass alle ihre Bücher und Materialien mit nach Hause genommen haben, trotz einer mir persönlich schon zu engen Kontrolle durch die verbindlich zu nutzende Lernplattform gibt es selbst dann noch Schüler, die eine Woche lang abtauchen.
Wenn man solche Schüler nicht regelmäßig anruft, gehen sie verloren.

Für mich ist ein weiteres Ergebnis der Studie aber noch zentraler:

“Third, our data provide convincing evidence that schools effectively attenuate social disparities in learning, at least in primary school pupils. During in‐person schooling, we were able to observe a rather uniform learning progress, which is a finding that also seems to generalise across much longer periods of time.”

(https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ijop.12728)

Innerhalb einer Schülerschaft, deren heterogenes Leistungsvermögen durch teilweise bildungsferne Familien ohnehin schon eine größere Bandbreite umfasst als an einem reinen Gymnasium, bedeutet Distanzunterricht in der Mehrzahl der Fälle eine Verstärkung der negativen Faktoren.
Ein geringeres Selbstwertgefühl, mangelnder Ehrgeiz, fehlende familiäre Unterstützung und möglicherweise bereits vorhandene Lerndefizite treffen nun zusätzlich auf unzureichende digitale Ausstattung und mangelhafte Infrastruktur.
Dass fast alle Schüler ein Smartphone besitzen, bedeutet eben noch lange nicht, dass zuhause der für erfolgreiches Distanzlernen benötigte Laptop oder PC sowie ausreichend schnelles Internet zur Verfügung stehen.

Für mich ganz persönlich kommt erschwerend hinzu, dass ich in diesem Jahr hauptsächlich Fünftklässler unterrichte, die von der Schulschließung im Frühjahr am stärksten betroffen waren:

“While secondary school pupils remain largely unaffected by the school closures in terms of learning gains, for primary school pupils learning slows down and at the same time interindividual variance in learning gains increases.”

(https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ijop.12728)

“In the 8 weeks before the school closures, learning in primary schools took place rather uniformly and with hardly observable differences between single pupils, but during the school closures, interindividual differences skyrocketed.”

(https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ijop.12728)

Diese Schülergruppe benötigt meines Erachtens dringend ein stabiles schulisches Umfeld, das nicht nur die im Alltag der Kinder benötigte Orientierung bietet, sondern es auch den Lehrern ermöglicht, durch individuelle Beobachtungen und Diagnosen vorhandene Lerndefizite zügig zu erkennen und auszugleichen.

Dies kann Distanzunterricht beides nicht leisten, sofern er nicht völlig auf Kosten der Lehrkräfte gehen soll, die eine individuelle Betreuung und Lehre auf Distanz kaum leisten können, ohne bis spät in den Abend hinein vor dem Rechner zu sitzen.

Während wir bei älteren Schülerinnen und Schülern stärker auf Eigenverantwortung und Selbstständigkeit setzen können (oder uns zumindest zur Gewissensberuhigung darauf berufen, wenn wir auch hier Einzelne verlieren), ist dies bei der Schülerschaft in der Unterstufe schlicht nicht möglich.
Natürlich muss auch hier beides trainiert und immer wieder angemahnt werden, nur Distanzunterricht kann man auf diesem Fundament (noch) nicht planen:

“(…) the increased variance in and the decreased pace of learning progress in primary school pupils can probably be explained by cognitive, motivational and socio‐emotional factors. The younger the pupils, the more they need to rely on cognitive scaffolding during instruction. In addition, their executive functioning and hence their capabilities for self‐regulated learning might not yet be fully developed.”

(https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ijop.12728)

Und bei all den bisher genannten Aspekten geht es primär um das Lernen.
Die Bedeutung von Schule als Sozialraum ist damit noch gar nicht erfasst.

Dass der Erziehungs- und Bildungsauftrag von Schule weit über die Vermittlung von Wissen und die Entwicklung von Kompetenzen hinausgeht, ist eine Binsenweisheit.
Sarkastisch ließe sich sagen, nur gut, dass es im Distanzunterricht keine Pausen gibt, nach denen Streitereien zu schlichten, Tränen zu trocknen und Entschuldigungen einzufordern sind.

Ich verstehe die Entscheidungen der Kultusminister (jedenfalls die meisten und besser weiß es doch gerade auch niemand), und ich trage jede Maßnahme, die unser aller Gesundheitsschutz dient!

Aber danach möchte ich meine Schüler wiederhaben.

Und dann möchte ich mich weiter um das bemühen, was ich seit Jahren mit Hilfe digitaler Tools versuche: gutes Blended Learning.

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