Digitales,  Unterricht

Fernlehre ohne Fernlerner

So, zwei Wochen Schulschließung zur Eindämmung des Corona-Virus sind um, Unterrichts-Ersatz und Home-Office gehen fließend und fast unbemerkt in die Osterferien über.

Mein persönlicher Rückblick auf die vergangenen zwei Wochen ist durchwachsen. Ich persönlich habe in dieser Zeit eine Menge über Fernunterricht, seine Werkzeuge und seine Grenzen lernen können, Schülerinnen und Schülern vermittelt habe ich in dieser Zeit kaum etwas, fürchte ich.
Nun finde ich es grundsätzlich nicht wirklich lebens- oder gesellschaftsbedrohend, wenn die Kinder und Jugendlichen einmal zwei Wochen Stoff versäumen, aber ich hatte mir doch etwas mehr erhofft, muss ich zugeben.

Von den rund 45 Schülerinnen und Schülern der zwei Abschlussklassen, die ich in einem Hauptfach unterrichte, haben etwa sieben bis zehn für mich erkennbar Übungsangebote wahrgenommen, allerdings war das in meinem Bundesland von höchster Stelle auch immer nur zur freiwilligen Möglichkeit erklärt worden.

Natürlich kann ich nicht wissen, wie fleißig möglicherweise zuhause mit dem Schulbuch gearbeitet wurde, nur wäre dies gegenwärtig auch wenig sinnvoll gewesen.

Wir steckten mitten in einer Einheit zum Thema Lyrik, als die Schultore geschlossen wurden, und die Schülerinnen und Schüler hatten alle Aufgaben und die Checkliste zu Beginn erhalten.
Die zu den Aufgaben gehörenden Gedichte waren auf meiner Internetseite zu finden, und wie man in einem Blog schreibt, um nach Kommentaren mit Verbesserungsvorschlägen den Text zu überarbeiten, war auch allen geläufig.

Das Schulbuch wäre der falsche und weniger hilfreiche Weg gewesen.

Im Blog ist tatsächlich noch das Meiste geschehen. Hier hat sich auch früh eine Grenze des Fernunterrichts gezeigt: Ich war mit dem Lesen und Kommentieren der wenigen Beiträge schon gut beschäftigt; hätten wirklich alle mehrfach etwas geschrieben und wieder überarbeitet, ich wäre hoffnungslos baden gegangen. Der Zeitaufwand für asynchrone Aufgaben ist deutlich größer, weil auch der Grad der Individualisierung enorm steigt. Jeder soll ja zu seinem Text hilfreiche Hinweise bekommen, es ist nicht damit getan, die häufigsten Fehler einmal kurz vor der Tafel zu besprechen und dann weiterschreiben zu lassen.
Außerdem liest man jeden Text und jede seiner Überarbeitungen, während sich im Präsenzunterricht am Ende doch nur zwei oder drei zum Vorlesen melden.

Aber genau deshalb hat mir dieser Teil des Fernunterrichts den größten Spaß gemacht und erscheint mir am ergiebigsten.

Das Schüler-Blog zur Lyrik-Einheit

Kaum genutzt wurde das für Fragen angelegte Etherpad.
Dafür scheint es mir mehrere Gründe zu geben. Der erste liegt auf der Hand: Wenn man nicht übt, entstehen natürlich auch keine Fragen.
Der zweite besteht sicher darin, dass die meisten Fragen dann doch direkt im Blog bei dem Besprechung der Texte auftauchten und auch dort geklärt wurden. Ein Etherpad ist hier möglicherweise redundant.
Der dritte Grund kann aber auch sein, dass unsere bisherigen Versuche des kollaborativen Schreibens bei einer Erörterung nicht so erfolgreich waren, vielleicht ist das Etherpad als Tool für meine Lerngruppe “verbrannt”.

Das FAQ-Etherpad – mehr Unfug als FAQ

Gänzlich neu war für mich das Experimentieren mit Videokonferenzen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich war weder sehr erfolgreich damit, noch ist das meins.
Für drei Konferenz-Versuche mit Schülerinnen und Schülern habe ich Jitsi genutzt (mit einer Kollegin das deutlich performantere Zoom, aber hier macht der Datenschutz doch noch zu viele Probleme, um es in der Schule einzusetzen), und ein wenig war es tatsächlich wie in diesem Clip:

Mir war zum Beispiel nicht bekannt, dass Jitsi sich in Firefox anders verhält als im Chrome-Browser. Und auch wenn die Schüler ihre Kameras klugerweise ausgeschaltet gelassen haben, empfand ich allein das gleichzeitige Sprechen in die Mikrophone anstrengend. Sofern diese denn funktionierten.

Ja, das kann sich alles einspielen und es gibt natürlich auch jede Menge Handreichungen mit Videokonferenz-Regeln für den Fernunterricht, aber soweit ist es nie gekommen.

Zum einen war mir selbst mit Jitsi der Datenschutz zu unsicher, hier hätten auch die Schüler noch viel mehr Anleitung zum Umgang mit Benutzernamen und anderem benötigt, zum anderen habe ich festgestellt, dass dieser Kommunikationsweg mir nicht zusagt. Ich brauche das “echte” Gespräch mit Augenkontakt (der übrigens rein technisch bei einer Videokonferenz nie gegeben ist).

Der erste Versuch mit immerhin schon drei Schülern

Für derartige Experimente war es hilfreich, dass es sich in allen Fällen um Übungsangebote und nicht um richtigen Fernunterricht gehandelt hat.

Nach diesen zwei Wochen fürchte ich mich aber zumindest nicht vor einer Verlängerung der Schulschließung über den 20. April hinaus: Es ist alles vorhanden, um Aufgaben bereitzustellen, einzusammeln und zu korrigieren. Auch für kollaborative Aufgaben könnte gesorgt werden, und Erklärvideos für dann erforderlich werdende Instruktionsphasen wären ohnehin kein Neuland.

Aus meiner Sicht eignet sich ein Blog gerade für den Deutschunterricht immer noch hervorragend für ein gemeinsames Arbeiten: Alle Texte aller Schreibenden sind jederzeit für alle zu sehen, und jeder kann mit Hilfe konstruktiver Kommentare (und nach einer Weile klappt das mit allen Klassen) helfen, die Texte zu verbessern.
Ist nach wie vor mein Lieblings-Tool, das Blog. 🙂

Drei Dinge sind in diesen zwei Wochen aber ganz deutlich geworden:

  1. Unsere Schülerinnen und Schüler haben noch nicht gelernt, für sich selbst zu lernen.
  2. Es braucht – ob mit oder ohne Fernunterricht – eine verstärkte Unterrichtsentwicklung hin zum projektorientierten Lernen mit offeneren Langzeit-Aufgaben. (Dann löst sich auch 1.)
  3. Die von manchen gefürchtete Zukunft einer digitalen Schule ohne Lehrer wird nicht eintreten. Lehrerinnen und Lehrer als Menschen im und für den Unterricht sind unverzichtbar – ebenso wie meine Schülerinnen und Schüler.

Inzwischen gibt es von Bob Blume und bei den Edupunks sogar eine Blogparade zu solchen ersten Erfahrungsberichten – lesenwert!

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