Eine kleine Revolution

Dass ich von der üblichen Praxis schriftlicher Klassenarbeiten nicht viel halte, ist kein großes Geheimnis.
Dabei stört mich nicht nur, dass schriftliche Arbeiten im Kompetenz-orientierten Unterricht nur noch einen geringen Teil des Gelernten überprüfen können (und ja nicht einmal das sehr gut), sondern vor allem, dass sie den Bemühungen eines differenzierten und individualisierten Unterrichts entgegenlaufen.

In vielen Fällen markiert die Klassenarbeit das Ende einer Unterrichtseinheit. Auf diesen Fixpunkt konzentriert sich dann oft alle Mitarbeit und alles Lernen der Schülerinnen und Schüler – nach geschriebener Arbeit packen dann alle das Gelernte beiseite oder vergessen es und widmen sich dem nächsten Thema.

Als jemand, der in höheren Klassen gerne mit Checklisten arbeitet, war mir dieser für alle verbindliche Zeitpunkt einer Klassenarbeit schon lange ein Dorn im Auge. Natürlich kann man die Arbeit im hinteren Drittel der Checkliste ansetzen und nicht an deren Ende, aber auch dann ist nur durch gezielt gesetzte Pflichtaufgaben und Zeitvorgaben sicherzustellen, dass bei allen ein ausreichender Lernfortschritt vorhanden ist. Kein so großer Unterschied und nicht das Ziel solcher Checklisten.

Im Zuge neuer Regelungen zur Kompensation der Auswirkungen von Corona hat es in Niedersachsen nun eine kleine Revolution gegeben: Fast versteckt in einem Erlass zu Anzahl und Terminierung schriftlicher Arbeiten findet sich nämlich folgender Satz:

„Im Schuljahr 2021/2022 erhalten alle [Schulen] […] die Möglichkeit, von der Regelung […] abzuweichen, dass bewertete schriftliche Arbeiten gleichzeitig und unter gleichen Bedingungen anzufertigen sind. Die Fachlehrkräfte können in eigener pädagogischer Verantwortung entscheiden, dass die Schülerinnen und Schüler einer Klasse schriftliche Arbeiten zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlichen Aufgaben auf vergleichbarem Anforderungsniveau schreiben.“

Niedersächsisches Kultusministerium (2021): Regelungen zu schriftlichen Arbeiten in den Schuljahrgängen 3 bis 10 für alle öffentlichen allgemein bildenden Schulen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie im Schuljahr 2021/2022

Damit ist die althergebrachte Klassenarbeit für mich Geschichte.
Endlich ist möglich, worum ich einige Schulen z.B. des Netzwerks „Schule im Aufbruch“ schon lange beneide: Die Schülerinnen und Schüler können sich bei mir melden, wenn sie sich bereit und vorbereitet fühlen, ihre Arbeit zu schreiben.

Bleibt nur zu hoffen, dass diese Regelung Corona überleben und Bestand haben wird.

4 Gedanken zu „Eine kleine Revolution“

  1. Spannend! Wie verhinderst du, dass ein Schüler dadurch mehr als zwei Arbeiten in einer Woche schreibt? Oder Schüler XY zur Spanischlehrerin sagt, dass in den Wochen E-K die Klassenarbeit nicht geschrieben kann, weil jeweils 2-3 Schüler deine Arbeit schreiben wollen?

    1. Spannend finde ich es auch, und vielleicht wird es auch alles nix; aber ich freue mich schon, dass Bewegung ins sonst so starre System kommt.
      Zu deiner ersten Frage: Ich werde sicher zu bündeln versuchen. Alleine, um nicht alle zwei Tage eine neue Arbeit entwerfen zu müssen. Wenn also ein erster Schwung an Schülerinnen und Schülern soweit ist, gibt es einen ersten Termin für diese Gruppe. Ich rechne dann mit vielleicht drei Terminen für eine Lerngruppe. Das halte ich für planbar, zumal sich ja auch eine gewisse Entzerrung dadurch ergeben wird und so die Hoch-Zeiten vor den Ferien für meine SuS wegfallen könnten.
      Zur zweiten Frage: Zum einen reservieren wir an meiner Schule Klassenarbeits-Termine für alle Kolleginnen und Kollegen sichtbar in IServ, zum anderen arbeiten wir in Jahrgangsteams, was den Kreis potentiell betroffener KuK klein hält und Absprachen erleichtert. Auch ein analoger Übersichts-Kalender im Jahrgangstrakt wäre denkbar. Dann könnten sogar die SuS sehen, wann ein Termin frei wäre.
      Versuchen will ich es auf jeden Fall – sollte die Revolution den Lehrer fressen, werde ich berichten. 🙂

    2. Oh, das klingt gut. Da kann man ja mindestens im Fach Deutsch auch Portfolioarbeit und Projektschulaufgaben sehr gut mit verbinden und/oder Schreibprozesse abbilden und „offiziell“ bewerten.

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